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Interview mit einem Prüfer

Malte Hecht
Name
Malte Hecht
Joanna Marciniak
Name
Joanna Marciniak

Das folgende Interview haben wir vor kurzem mit dem Prüfer und Psychologischen Psychotherapeuten (Fachkunde für Verhaltenstherapie bei Erwachsenen) Dr. phil. Roy Murphy geführt. Herr Dr. Murphy arbeitet seit 22 Jahren in der Schön Klinik Bad Bramstedt, ist dort leitender Psychologe, zudem als Supervisor und Selbsterfahrungsleiter tätig und übernimmt ab Juli 2022 die Ausbildungsleitung am Ausbildungsinstitut IFT Nord in Kiel. Sein Spezialgebiet ist „ADHS im Erwachsenenalter“. Zudem ist er bereits mehrere Jahre als Prüfer am IVPM in Bad Bramstedt und IFT Nord in Kiel tätig.

Das Interview haben wir via Videokonferenz geführt.
Das Interview haben wir via Videokonferenz geführt.

Die Fragen für das Interview habt Ihr uns vorgeschlagen. An dieser Stelle schonmal ein großes Dankeschön an alle, die Fragen eingereicht haben! Wir haben die eingereichten Fragen gruppiert und jede Gruppe unter einer Leitfrage organisiert. Zum Beispiel so:

  • Leitfrage: Wie kommen Sie zu den Fragen in der Prüfung?
  • Eingereichte Fragen:
    • Werden Fragen zur Epidemiologie und Testdiagnostik (inkl. Cut-Offs) gestellt?
    • Wie sehr spielen die persönlichen Lieblingsthemen eine Rolle in den Fragen der Prüfer?

Den so entstandenen Fragenkatalog, inklusive der von Euch eingereichten Fragen haben wir einige Tage vor dem Interview an Dr. Roy Murphy geschickt. Im Folgenden werdet Ihr lesen, dass wir meist nur die Leitfrage gestellt haben. Falls Ihr also den exakten Wortlaut einer von Euch eingereichten Frage nicht im Text wiederfindet, solltet Ihr diese jedoch trotzdem beantwortet finden.

Interview

Joanna: Was möchten Sie als Prüfer in der Prüfung überprüfen? Geht es nur um reines Wissen? Oder geht es auch um Fähigkeiten und Fertigkeiten?

Dr. Roy Murphy: Letztendlich geht es um all das. Es ist ja die staatliche Abschlussprüfung. Das heißt, wir müssen irgendwie prüfen, ist jemand geeignet am nächsten Tag oder in der nächsten Woche in einer Praxis zu arbeiten. Das heißt, wir überprüfen schon viel gelerntes und auch theoretisches Wissen. Hauptsächlich prüfen wir zur kognitiven Verhaltenstherapie. Aber wir sind ja inzwischen schon in der dritten Welle der Verhaltenstherapie angekommen, sodass wir natürlich auch Elemente der DBT, ACT oder Schematherapie – also zu den modernen Formen der Verhaltenstherapie fragen. Was uns wichtig ist, dass wir überprüfen, ob jemand verhaltensanalytisch denken kann. Also ob jemand ein Störungsmodell versteht, warum ein Patient so geworden ist. Ob jemand in der Lage ist, Diagnostik zu machen und differentialdiagnostische Überlegungen anzustellen. Sowie, ob jemand auf dieser Basis in der Lage ist, einen Therapieplan und ein Behandlungskonzept, mit entsprechenden Interventionen, abzuleiten.

Joanna: Wie wichtig ist Ihnen dabei Fachvokabular?

Dr. Roy Murphy: Fachvokabular ist total wichtig. Ich empfehle, dass Sie jeden Fachterminus, den Sie im Prüfungsfall oder auch mündlich benutzen, erklären können. Denn man muss mit der Frage rechnen: „Erklären Sie uns, was man unter Validierung versteht.“ oder „Was ist Achtsamkeit?“ Gleiches gilt auch für die genannten Theorien. In den Prüfungsfällen werden ja oft Beck, Young oder Linehan zitiert. Dabei ist es wichtig, dass Sie wissen, was Sie da zitieren, denn Sie müssen auch hier mit der Frage rechnen: „Erklären Sie uns mal kurz diese Theorie.“

Joanna: Wie und mit welchen Mitteln überprüfen Sie, ob ein/e Prüfungsteilnehmer:in den/die Patient:in verstanden hat und verhaltenstherapeutisch denken kann?

Dr. Roy Murphy: Zum einen lassen wir uns eine Störung erklären. Wir gucken, ob jemand differenzieren kann zwischen auslösenden und aufrechterhaltenden Faktoren. Ob jemand begründen kann, warum etwas aufrechterhaltend ist, also möglicherweise auch, welche Lernprinzipien da wirken. Daraus erkennen wir ganz oft, ob jemand die Zusammenhänge verstanden hat und ob jemand seine:n Patient:in verstanden hat. Das lassen wir uns erzählen und in der Regel erscheint uns das schlüssig. Was aber nicht ausschließt, dass wir uns nicht zum Beispiel auch mal was vormachen lassen. Zum Beispiel: „Ja, also Sie berichten von der wirkungsvollen Achtsamkeitsübung. Machen Sie doch mal bitte eine mit mir.“ oder „Erklären Sie mir doch mal das Störungsmodell am Flipchart so als ob ich Ihr Zwangspatient wäre“. So etwas oder auch ein kleines Rollenspiel kann durchaus vorkommen. Für uns Prüfer ist das z. B. nach dem zwanzigsten Depressionsfall dann auch lebendig und ein Highlight.

Joanna: Wie kommen Sie zu den Fragen in der Prüfung? Die Prüfungsfälle werden ja im Vorfeld eingereicht. Machen Sie sich schon im Vorfeld Gedanken oder entstehen die Fragen eher spontan in der Prüfung?

Dr. Roy Murphy: Sowohl als auch. Wir kriegen die Prüfungsfälle vorher ja mit ordentlich Abstand. Jede:r der vier Prüfer:innen liest jeden Fall. Wir sprechen uns im Vorfeld in keinster Weise ab, welche Fragen wir stellen. Jeder geht den Fall für sich alleine durch. Ich überlege mir Fragen, die mir beim Lesen auffallen. Diese notiere ich mir zu jedem Prüfungsfall. Die Fragen, die ich stellen möchte, nehme ich mir mit in die Prüfung. Genauso machen das die anderen Kolleg:innen auch. Ein:e Prüfer:in übernimmt dann pro Fall sowohl in der Einzel- als auch in der Gruppenprüfung, die schwerpunktmäßige Führung. Nach der Vorstellung des Prüfungsfalls durch den Prüfling, steigt dann diese:r Prüfer:in mit den Fragen ein und der Rest ergibt sich tatsächlich aus der Performance in der Prüfung. In der Regel fällt dann irgendein Stichwort, zu dem jemand etwas fragen möchte. So entwickeln sich dann ausgehend von den Fragen, die wir vorbereiten, neue Fragen. Diese Fragen sind dann sehr auf den Fall bezogen und individuell. Erfahrungsgemäß gibt es eine Überschneidung zwischen den Prüfungen in all den Jahren von vielleicht 20–30 % Fragen, die sehr oft gestellt werden.

Joanna: Wie sehr spielen die persönlichen Lieblingsthemen/Fachgebiete der Prüfer eine Rolle in den Fragen?

Dr. Roy Murphy: Also die Erfahrung hat doch gezeigt, dass es durchaus sinnvoll ist, sich zu überlegen: „Wer sitzt mir da als Prüfer gegenüber? Wo arbeitet er oder sie?“ Ich als ADHS-Experte oder als jemand der viel mit Zwangspatienten zu tun habe, fühle mich natürlich in diesen Bereichen sehr sicher und mir fallen da viele Fragen zu ein. Man sollte also durchaus überlegen „Was ist deren Lieblingsthema?“, „Womit beschäftigen sie sich?“, „Was haben sie veröffentlicht?“, „Was findet sie selber gut?“. Es wäre unklug, sich da nicht drauf vorzubereiten.

Joanna: Also zusammengefasst bereitet jede:r Prüfer:in einige Fragen im Vorfeld vor. Bei einigen dieser Fragen, die spannend sind, hakt man sich in der Prüfung quasi fest und geht von da in die Tiefe.

Dr. Roy Murphy: Genau richtig. Für das in die Tiefe gehen gibt es verschiedene Gründe: Entweder, weil es gerade spannend und eine schöne Diskussion ist oder weil wir überprüfen wollen, ob er/sie das richtig verstanden hat oder weil wir denken, die/der macht das so hervorragend, vielleicht geht es um eine Note Eins. Bei letzterem frage ich noch mal etwas mehr darüber hinaus. Das sind dann aber eher Dinge, die wir Prüfer:innen in der Prüfung in unseren Köpfen haben, mit denen wir uns viel beschäftigen und wo wir dann die Prüfung spontan auch gestalten können. Natürlich orientiert am Gegenstandskatalog. Das ist nicht ganz frei flottierend.

Joanna: Wie viele Zahlen muss man auswendig lernen? Werden Fragen zur Epidemiologie oder auch Testdiagnostik inklusive Cut-Offs gestellt?

Dr. Roy Murphy: Jeder Prüfling muss damit rechnen, dass bei dem Fall, den er/sie beschreibt, auch mal gefragt wird, welche Tests zur Anwendung kamen. Und ja, mich interessiert dann auch, ob jemand weiß, was ein BDI von 23 bedeutet. Aber das ist eher eng an dem Fall und an den Diagnosen des Prüfungsfalls orientiert. Aber jemand, der auf eine sehr gute Note aus ist, sollte auch die generellen Prävalenzraten von Depression, Schizophrenie etc. oder ein paar Eckpfeiler der Behandlungsleitlinien kennen. Wiederum besonders zu dem Fall, der präsentiert wird. Es ist nicht schlimm, das alles nicht zu wissen, aber dann reden wir nicht über eine Eins. Denn bei einer Eins muss die Leistung schon deutlich hervorragen.

Joanna: Ich wurde zum Beispiel gefragt, welche Medikation bei der Diagnose meines Prüfungsfalls in den Behandlungsleitlinien empfohlen wird.

Dr. Roy Murphy: Das finde ich auch total wichtig. Psychologische Psychotherapeuten sollten durchaus auch mit der Medikation vertraut sein. Man sollte wissen, was ein Antidepressivum oder ein Neuroleptikum ist und wie die grob wirken. Für den Fall, den ich präsentiere, sollte ich auch beantworten können, welche Medikation die Leitlinie empfiehlt.

Joanna: Wie unterscheiden sich die Fragen in der Einzel- und Gruppenprüfung? Gibt es Themen, mit denen jeder Prüfling rechnen kann?

Dr. Roy Murphy: Bei der Einzelfallprüfung ist der Prüfling ja alleine vor uns vieren und hat da die einmalige Gelegenheit, sein Können und Wissen zu Störungen, Diagnostik und Interventionen zu zeigen. Wir orientieren uns in der Einzelfallprüfung sehr an dem vorgetragenen Fall und schweifen kaum ab, also in andere Therapieschulen oder zu allgemeineren Themen. Da kann der Prüfling wirklich eine halbe Stunde lang zeigen, dass er oder sie es drauf hat. In der Gruppenprüfung ist es so, dass die Prüflinge zwar den eingereichten Fall zu Beginn vorstellen, aber nach spätestens 3 bis 5 Minuten durch die Prüfer:innen unterbrochen werden. Wir stellen zwar ein paar Fragen zu dem Fall, aber danach eröffnen wir auch die Fragerunde für die anderen Mitprüflinge. Dann entfernen wir uns relativ schnell von diesem Fall und kommen dann mehr zu allgemeineren Themen wie Aspekte der Berufsordnung oder Suizidalität. Dinge, die man, wenn man morgen eine Praxis aufmacht, beachten muss. Manchmal kommen Fragen zu dem Unterschied Reha und Krankenhausbehandlung. Diese Themen kommen jetzt nicht immer dran, aber es sind beliebte Themen. Ansonsten kommen gerne noch Fragen zu unterschiedlichen Therapieschulen. Es kommen aber auch Fragen, bei denen die Prüfer:innen gar kein Wissen überprüfen wollen, sondern wo man einfach gucken möchte, wie die Prüflinge darüber denken, bei denen die Meinung und die Vorstellung von bestimmten Aspekten interessiert. Also selbstständiges und mündiges Denken.

Joanna: Wie genau muss man dabei die Fälle der anderen Prüflinge aus der Gruppenprüfung kennen?

Dr. Roy Murphy: Man sollte die anderen Fälle auf jeden Fall kennen. Man sollte wissen, was da behandelt wird und schwerpunktmäßig auch, welche Interventionen zum Tragen kommen. Denn bei der Eröffnung der Fragerunde an die gesamte Gruppe werden anfänglich ja Fragen ausgehend vom vorgestellten Fall gestellt. Insgesamt ist es bei der Vorbereitung sinnvoll, sich in die Rolle der Prüfer:innen zu begeben und versuchen zu antizipieren: „Was könnte die Prüfer:innen interessieren, wonach könnten sie fragen und mit welcher Frage könnte auch ich konfrontiert werden?“

Joanna: Wie wird entschieden, welcher Prüfling welche Frage im Gruppenteil gestellt bekommt? Und achten Sie auch darauf, dass alle ungefähr gleich viele Antwortchancen erhalten?

Dr. Roy Murphy: Dass alle eine Chance bekommen Fragen zu beantworten, ist mir immer wichtig und empfinde ich auch als sinnvoll. Denn es gibt ja Menschen, die reden gerne und dann gibt es stillere Menschen und die sollen auch ihre Chance bekommen. Das heißt, in der Regel gucke auch ich immer darauf, wer ist beteiligt, wer ist eher unbeteiligt. Danach entscheide ich dann auch, wen ich direkt anspreche. Manchmal stellen wir auch eine Frage, bei der z. B. fünf Teilbereiche aufzuzählen sind. Dann ergibt es Sinn, dass zum Beispiel jeder einen Bereich nennt.

Joanna: Nach welchen Kriterien werden die Noten dann letztendlich vergeben? Wie passiert diese Einteilung?

Dr. Roy Murphy: Also es gibt in Schleswig-Holstein vom Landesamt für Soziale Dienste, Abteilung Gesundheitsschutz schriftliche Hinweise zur Benotung der Ergebnisse für die mündliche Prüfung. Es wird sozusagen eingestuft, welche Leistungen in den Notenstufen von 1 bis 6 zu erwarten sind. Eine Eins ist, wenn die Leistung hervorragend ist. Eine Zwei, wenn sie erheblich über den durchschnittlichen Anforderungen ist. Eine Drei, wenn die Leistung in jeder Hinsicht die durchschnittlichen Anforderungen gerecht wird. Eine Fünf ist, wenn die Leistung wegen erheblicher Mängel den Anforderungen nicht mehr genügt und eine Sechs wird als unbrauchbar eingestuft. Letzteres habe ich noch nie erlebt. Wir schicken die Prüflinge dann nach den beiden Prüfungen aus dem Raum und dann sind wir vier Prüfer:innen gefragt. Der oder die Prüfungsvorsitzende ist dann ein bisschen wie ein/e Moderator:in und stimmt sich mit den anderen ab. Wenn ich das bin, dann bitte ich jede:n darum, eine Einschätzung abzugeben, wie er oder sie die Prüfung empfand und welche Note er oder sie gibt. Dabei ist es mir wichtig, dass die vergebene Note von jedem:r Prüfer:in begründet wird. Aber ja, natürlich spielt auch eine Form von Subjektivität eine Rolle. Aus diesen vier Noten muss der oder die Prüfungsvorsitzende eine Note für die jeweilige Einzel- und Gruppenprüfung vergeben, und zwar ohne Kommastellen. Das heißt, im Kern geht es darum, dass wir als Prüfer:innen uns einigen müssen. Ganz oft haben wir Kandidat:innen, die zwischen eins und zwei oder auch zwischen zwei und drei liegen. Wir müssen uns dann einigen, was bislang immer gelang.

Joanna: Sie haben gerade diesen Zettel vom Landesamt für Soziale Dienste gezeigt. Gibt es da auch richtig objektive Kriterien, die eine Eins begründen würden?

Dr. Roy Murphy: Nein, das nicht. Hier stehen wirklich nur die Notenkategorien mit der jeweiligen sprachlichen Bezeichnung (Anmerkung: Siehe oberer Abschnitt). Das sind unsere Kriterien, nach denen wir vorgehen. Und ich find das ganz wichtig, denn wir sehen ganz viele, sehr gute Prüflinge. Aber zwischen diesen sehen wir dann doch noch mal Unterschiede zwischen hervorragend und sehr hervorragend. Für eine Eins, das ist mir immer ganz wichtig, da muss man schon echt was draufhaben.

Joanna: Was müsste denn passieren, damit dann doch jemand durch die Prüfung fällt? Vor meiner Prüfung ging immer der Mythos rum, dass man nicht durch die mündliche Prüfung fallen kann. Und dann gab es doch Fälle.

Dr. Roy Murphy: Ja, es kommt vor. Tatsächlich auch schon als ich den Prüfungsvorsitz hatte und das tut uns Prüfern dann in der Seele leid. Aber letztendlich haben wir ja auch eine Verantwortung. Damit jemand durchfällt, muss er oder sie etwas ganz erheblich nicht verstanden haben, zum Beispiel im Störungsmodell oder richtige Fehler bei der Diagnostik gemacht haben. Oder ohne Hypothesen zu generieren, Interventionen abgeleitet haben, die vielleicht manchmal auch fahrlässig waren und dem/der Patient:in womöglich eher geschadet als genutzt haben. Oder jemand zeigt in der Prüfung, dass er oder sie sich nicht auf Diskussionen mit uns einlassen will, also nicht korrigierbar ist. Ich habe für ganz vieles Verständnis und man kann auch mal Fehler machen und das kommt auch manchmal vor. Man kann aber in der Diskussion zu erkennen geben „Mensch, jetzt wo sie es sagen, da hätte ich es vielleicht auch so und so machen können” und dann sehe ich, okay, da hat jemand trotzdem was verstanden und ist der Reflexion mächtig. Wenn jemand aber felsenfest davon überzeugt ist, dass das, was er/sie gemacht hat, richtig ist, aber dies nach unserem Dafürhalten wirklich falsch ist und eine Gefährdung für den Patienten darstellt, dann müssen wir den Prüfling durchfallen lassen. Daher ist es auch wichtig, die Supervisor:innen für eine gute Supervision und auch Prüfungsvorbereitung mit in die Pflicht zu nehmen. Denn die Leidtragenden sind in dem Moment die Prüflinge und das tut mir dann sehr leid, denn es hätte im Vorfeld auffallen können. Da steht dann auch der/die Supervisor:in nicht gut dar.

Joanna: Welchen Einfluss hat denn der geschriebene Prüfungsfall auf die Note?

Dr. Roy Murphy: Der geschriebene Prüfungsfall hat durchaus einen Einfluss auf die Note. Er ist wie Ihre Visitenkarte. Bei Beginn der Prüfung kennen wir Sie noch nicht und wir wissen auch noch nicht, was Sie draufhaben. Aber wir kennen Ihren geschriebenen Fall. Dabei sollte man neben dem Inhalt auch auf die formalen Vorgaben achten. In den Instituten, in denen ich prüfe, darf ein Fall nicht länger als zehn Seiten sein. Leider kommt es immer wieder vor, dass ich Fälle mit mehr Seiten erhalte. Einen Behandlungsfall in zehn Seiten hinzukriegen, ist ein Qualitätsmerkmal. Aus meiner Sicht ist es für diejenigen, die sich darum bemüht haben, nicht gerecht, jemanden mit mehr als zehn Seiten zur Prüfung zuzulassen. Wenn es dabei Schwierigkeiten gibt, muss man das mit dem Supervisor besprechen. Im Kern ist es auch eine Kritik am Supervisor, denn diese:r sollte so einen Fall nicht durchgehen lassen. Auch Rechtschreibfehler machen sich nicht gut auf Ihrer Visitenkarte und lassen sich umgehen.

Joanna: Also ist es nicht so, dass ein:e Prüfer:in den Prüfungsfall im Vorfeld bewertet und diese Note dann in die Gesamtnote eingeht?

Dr. Roy Murphy: Ich glaube, bei uns Prüfer:innen passiert implizit etwas. Wir versuchen damit ganz offen in der Diskussion umzugehen. Zum Beispiel, dass man sagt, der geschriebene Prüfungsfall war etwas unklar dargestellt, aber in der Prüfung konnte er/sie ihn super begründen und kriegt deswegen eine zwei oder eins. Andersrum, also dass jemand den Prüfungsfall hervorragend schriftlich darstellt, aber dann mündlich die ganzen Schwächen zeigt, habe ich bisher kaum erlebt. Manchmal kommt es auch vor, dass jemand einsteigt und sagt „Ich weiß schon genau, was Ihnen aufgefallen ist. Ich habe den Fall differenzialdiagnostisch überhaupt nicht gut begründet, aber ich will Ihnen das jetzt gerne näher erläutern.“ Das finde ich persönlich total sympathisch,

Joanna: Haben Sie eine Empfehlung, wie sich die Prüflinge auf die mündliche Prüfung vorbereiten können?

Dr. Roy Murphy: Ich finde es ganz wichtig, dass eine mündliche Prüfung auch im Kern intensiv mündlich vorbereitet wird. Es bringt überhaupt nichts, im Vorfeld kein Wort über seinen Fall geredet zu haben und plötzlich mündlich geprüft zu werden. In der Prüfung kommt dann ja noch zusätzlich die Aufregung hinzu. Deswegen finde ich es am wichtigsten zu üben, den Fall in fünf Minuten vorzustellen. Denn ungünstig wäre, wenn der Prüfling nach fünf Minuten erst den soziodemografischen Status dargestellt hat. Das kann man mit einer guten mündlichen Vorbereitung umgehen. Dabei sollte man auch gucken, wo setze ich meine Schwerpunkte? Ich sage kurz ein paar Eckdaten zu dem/der Patient:in, dann etwas zur Diagnostik, dann leite ich kurz über zu aufrechterhaltenden Bedingungen und zu wesentlichen Interventionen. Ich mache es für die Prüfer:innen schmackhaft und ich biete Ihnen etwas zum Nachhaken an. Wenn ich z. B. unbedingt zu den Schemata von Young befragt werden will, dann sollte ich diese auch in der Erstvorstellung anteasern. Wenn ich bei der Vorbereitung glaube, ich könnte z. B. zur Verstärker-Verlust-Theorie gefragt werden, dann sollte ich auch üben diese mündlich zu erklären. Z. B. in dem man durch die Wohnung läuft und sie dem/der Freund:in oder dem Spiegel erklärt. Idealerweise übt man das direkt mit der Lern- oder Prüfungsgruppe, da man so noch Rückmeldungen erhält.

Joanna: Womit sollten sich die Prüflinge auf die mündliche Prüfung vorbereiten?

Dr. Roy Murphy: Sie sollten zuallererst Ihre Prüfungsfälle gut kennen und darauf vorbereitet sein. Zusätzlich ist es sinnvoll das Repetitorium hinzuzuziehen, weil da ja der Gegenstandskatalog kurz und knapp zusammengefasst ist. Man sollte aber auch darauf vertrauen, dass man schon ganz viel Wissen durch die vielen Jahre Berufserfahrung und Ausbildung abgespeichert hat. Auch ist es sinnvoll, sich mit den S3-Leitlinien der Prüfungsfälle und dem ICD-10 zu beschäftigen. Denn wir Prüfer:innen lassen uns durchaus auch mal die Kriterien z. B. der Somatisierungsstörung nennen.

Joanna: Seit dem 01. Januar 2022 tritt ja auch die ICD-11 in Deutschland in Kraft. Bisher hat sie in der Praxis nur wenig eine Rolle gespielt. Wie sehr spielt die ICD-11 in der Prüfung eine Rolle?

Dr. Roy Murphy: Bisher haben wir als Prüfer:innen noch nicht die Chance gehabt uns dazu richtig auszutauschen, daher habe ich dazu nur eine persönliche Haltung. Ich sehe die aktuelle Zeit eher wie eine Übergangsphase. Auch wir Prüfer:innen sind noch viel zu sehr im ICD-10 verhaftet, als dass wir Experten für die ICD-11 wären. Das würde ich mir überhaupt nicht anmaßen. Aber ich glaube schon, dass wenn man in der Prüfung eine sehr gute Note erreichen möchte, es durchaus Sinn ergibt, die Änderungen zu kennen. Ich würde es also eher entspannter und als Chance sehen und weniger als Gefahr. Wir werden da nicht den Finger in die Wunde legen und als Prüfer:innen rumzwängeln.

Joanna: Wie gehen Sie damit um, wenn ein Prüfling sehr starke Prüfungsangst hat, bis hin zum Blackout?

Dr. Roy Murphy: Was wir bei ganz vielen erleben, ist eine ordentliche Aufregung, mit hektischen Flecken im Gesicht und das gehört alles zu einer wichtigen Prüfung dazu. Die meisten werden nach fünf Minuten ruhiger. Uns als Prüfer:innen ist es uns ganz wichtig, von vornherein eine möglichst angstfreie Atmosphäre zu kreieren. Als Prüfer würde ich den Prüfling ermutigen und validieren. Ich würde nachfragen, ob er/sie etwas braucht. Ein Schluck Wasser? Noch einmal kurz rausgehen? Der- oder diejenige wird diese Prüfungsangst jedoch in der Regel nicht zum ersten Mal in dieser Abschlussprüfung erleben. Daher ist meine Meinung auch, dass jeder Prüfling auch die Eigenverantwortung hat, im Vorfeld Regulationsmechanismen einzuüben und anzuwenden, um das Blackout-Risiko weitgehend zu minimieren. Weil wenn ein Prüfling ein Blackout hat und wirklich gar nichts mehr abrufen kann, dann kann ich keine Prüfungsleistungen beurteilen. Das ist dann nicht automatisch eine sechs. Ich müsste die Prüfung dann ohne Note abbrechen und die Prüfung könnte frühestens in einem halben Jahr nachgeholt werden. Daher nochmal die eindringliche Aufforderung an alle, die sich da jetzt angesprochen fühlen, lernen Sie vorher sich zu regulieren.

Joanna: Ich finde, das geht ja auch damit einher, dass Sie gesagt haben, dass man die Prüfung wirklich praktisch üben sollte. Also nicht nur Wissen auswendig lernen, sondern auch üben, den Prüfungsfall vorzutragen. Zum Beispiel, indem man die Einleitung besonders gut kann, damit man das erstmal geschafft hat und damit die Chance erhöht, ruhiger zu werden. Ich habe zum Beispiel die Prüfungssituation mit einer Supervisorin sowie mit einer Freundin trainiert. Das hat sich wie eine Expositionsübung angefühlt.

Roy Murphy: Genau richtig.

Joanna: Wie sollte ein Prüfling damit umgehen, wenn er/sie die Antwort auf eine Frage nicht weiß?

Dr. Roy Murphy: Wenn jemand etwas wirklich nicht weiß, dann ist es mir immer lieb, wenn das einfach gesagt wird. Wenn man dann anfängt frei zu konfabulieren, kommt häufig etwas Falsches raus und damit macht man sich in der Situation nur anfälliger. Manchmal ist es die Empfängerseite, die z. B. aufgrund der Aufregung etwas nicht versteht. Manchmal drücken aber auch wir Prüfer:innen uns nicht geschickt aus. Es kommt auch gelegentlich vor, dass ich selber nicht so richtig weiß, worauf mein:e Kollege:in hinaus will. Dann sollte man nochmal nachfragen: “Jetzt habe ich Sie nicht verstanden” oder “Können Sie Ihre Frage nochmal anders stellen?” Also den Ball wieder zurückgeben. Das finde ich völlig legitim.

Joanna: Nützt es was, wenn jemand zwar die Antwort auf eine Frage nicht weiß, aber sagen kann, wo er/sie es nachschauen könnte?

Dr. Roy Murphy: Wenn man auf eine sehr gute Note aus ist, nützt es an der Stelle nicht zu wissen, wo man im Arbeitsalltag nachschlagen würde. Das kann man mit einer Fahrschulprüfung vergleichen. Wenn ich da die Vorfahrtsregeln nicht mehr weiß, nützt es auch nichts, wenn ich dem Prüfer hinten auf der Rückbank sage “Ich weiß aber wo es steht”. Da muss ich das ja auch wissen, um zu bestehen. Wenn ich also etwas absolut nicht weiß, ist das nicht schlimm, aber dann ist es vielleicht auch keine Eins, weil es eben nicht hervorragt. Aber es darf auch mal etwas nicht gewusst werden. Jeder erhält eine Bandbreite an Fragen, also eine gute Chance, die Prüfung zu bestehen. 95 % oder noch mehr bestehen sie auch. Und diejenige, die sie aber, weil sie z. B. selber einen hohen Leistungsanspruch haben, mit einer Eins bestehen wollen, müssen halt eine hervorragende Leistung bringen und das heißt, dass man auch alles wissen muss.

Joanna: Werden in der Prüfung auch Fragen zu persönlichen Themen gestellt, wie zum Beispiel Gründe einer langen Ausbildungszeit oder persönliche psychische Belastung?

Dr. Roy Murphy: Persönliche Fragen zur psychischen Belastung gehören meiner Meinung nach nicht in eine Prüfung und habe ich auch noch nie bei anderen Prüfer:innen erlebt. Ich erinnere mich, dass manchmal nach dem Befinden von schwangeren Prüflingen gefragt wurde. Aber nur, wenn man auch das Gefühl hatte, dass dazu bereitwillig eine Auskunft gegeben würde. Manchmal sehen wir auch Behandlungsfälle, die mehrere Jahre zurückliegen. Da könnte man sich schon vorstellen, dass den/die Prüfer:in interessiert, ob und was sich in diesen Jahren, in der Entwicklung des Therapeuten getan hat. Also Fragen zur eigenen Selbsteinschätzung.

Joanna: Aber Sie schätzen dann nicht die Persönlichkeit eines Prüflings als therapeutisch geeignet oder ungeeignet ein?

Dr. Roy Murphy: Da sind wir bei einem ganz guten Aspekt, den wir als Prüfer:innen schon mal diskutiert haben. Denn so wie es bei Prüfer:innen Persönlichkeitsakzentuierungen gibt, werden diese auch manchmal bei den Prüflingen deutlich. Aber ich finde nicht, dass es uns zusteht, darüber zu richten. Der Prüfling könnte ja vielleicht für mich kein gute:r Therapeut:in sein, aber warum sollte er/sie nicht für viele andere Menschen genau die richtige Passung sein? Die meisten arbeiten ja auch schon einige Jahre in derselben Klinik und scheinen da gute Therapie zu machen. Daher ist es mir wichtig, möglichst neutral zu sein. Zwar zu benennen und zu reflektieren, aber eben auch abzuwägen.

Joanna: Vielen Dank für Ihre Zeit und die vielen Antworten. Was möchten Sie dem Prüfling noch mitgeben?

Dr. Roy Murphy: Ich möchte den Prüflingen mitgeben, dass unsere Intention, trotz Prüfungssituation, die ist, eine wohlwollende, zugewandte, möglichst stress- und angstfreie Atmosphäre zu schaffen. Wir wissen, dass diese Ausbildung knüppelhart ist und wir wissen auch, dass, wenn man schon jahrelang irgendwo gearbeitet hat, man auch in der Lage ist Therapie zu machen. Außerdem verstehen wir, dass auch verschiedenste, persönliche Lebensumstände wie z. B. eine Schwangerschaft oder die Kinderversorgung einiges an Belastung mit sich bringt und davor haben wir Respekt! Da kriegen sie auch einiges an persönlichen Vorschuss von uns.

Ansonsten machen Sie uns auf Ihre Fälle neugierig! Bieten Sie uns etwas und gestalten Sie den Fall sexy. Denn die zwanzigste Depressionbehandlung im sokratischen Dialog kann bei uns schon mal zur Langeweile führen. Es müssen auch nicht immer die perfekt Behandlungsverläufe sein. Trauen Sie sich zu, Ihre eigene Meinung zu sagen. Ganz oft ist es in der Prüfung so, dass es nicht nur ein richtig oder falsch gibt. Ist es jetzt eine Zwangsstörung oder eine zwanghafte Persönlichkeitsstörung? Wir wollen auch mit Ihnen diskutieren. Ich kenne nur die zehn Seiten des Prüfungsfalls. Aber Sie kennen den Patienten. Wenn Sie begründen können, warum es eine zwanghafte Persönlichkeitsstörung ist, dann gehe ich manchmal auch mit, auch wenn das aus dem Fall nicht hervorgeht. Das heißt, auch wenn Sie Abweichungen von leitliniengerechter Behandlung haben, begründen Sie es. Trauen Sie sich eine eigene Meinung oder eigene Haltung zu! Das ist für uns total wichtig innerhalb der Therapeutenpersönlichkeit.

Joanna: Und zehn Seiten im Prüfungsfall einhalten.

Dr. Roy Murphy: Genau richtig. Und noch etwas. Nehmen Sie Ihre Supervisor:innen in der Supervision und in der Vorbereitung in die Pflicht! Wenn ein Prüfling durchfällt, ist es auch eine Kritik an dem/der Supervisor:in. Denn sie haben doch letztendlich die Verantwortung, nochmal den Fall durchzuschauen und zu supervidieren und gerne auch eine Prüfung zu simulieren. Wenn das alles erfolgt, kann ich mir nur schwer vorstellen, dass jemand durchfällt!

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